‚In meiner Haut‘ – Körperwahrnehmung im Widerstreit mit Kategorisierungen

Stephanie Scheubeck und Dr.’in phil. Marion Mangelsdorf

Fr 10–12 Uhr, ZAG, Belfortstr. 20; 26.06. Block 10–16 Uhr,
Raumangaben folgen, 06LE42SKWSoSe26.

Wir nehmen uns und die Welt um uns herum immer in unserer Haut wahr. Doch was nehmen wir eigentlich wie wahr und wie können wir unsere Wahrnehmung beschreiben, so dass andere eine Vorstellung davon bekommen, wie es ist, die Welt in unserer Haut und durch unsere Sinne wahrzunehmen? Das Seminar lädt durch Theorie und Praxis zu einer Erkundungsreise ein. 

Dabei soll es darum gehen unsere (Selbst-)Wahrnehmung im Verhältnis zu unseren Ausdrucksweisen und den Differenzkategorien, die uns prägen, zu betrachten und zu reflektieren. Dabei entwickeln wir ein eingebettetes, relationales und verkörpertes Wissen.

In einem Theorie Part nähern wir uns zunächst neben leibphänomenologischen Texten u.a. von Judith Butler, Sarah Ahmed, Astrida Neimanis sowie Roman-Ausschnitten wie etwa aus Blutbuch von Kim de l’Horizon einem leibphänomenologischen Selbst- und Weltbezug an. Darauf folgend setzen wir uns auf intersektionale Weise mit verschiedenen Kategorisierungen auseinander: wie etwa mit sex, gender, dis/ability und sozio-kultureller Herkunft. Wie wirken sich diese Kategorisierungen auf unsere Wahrnehmung aus? Wie können wir den Kategorisierungen begegnen? 

Bereits im Theorie-Part wird es nicht nur darum gehen, über, sondern auch mit dem Körper zu reflektieren. Dieser Prozess wird durch Wahrnehmungsübungen begleitet.

In einem Praxis Part wenden wir uns schließlich Möglichkeiten eigener Wahrnehmungsbeschreibungen und Ausdrucksformen zu. In Einzel- und Kleingruppen können Projekte entwickelt werden, um sich einer selbstgewählten Perspektive auf die theoretischen Texte und Praxisfelder anzunähern. Mögliche Formate für die Projekte sind: Texte, Audios, Videos, Kritische Kartierungen, (Lecture) Performances oder Poetry Slams. Dieser Praxis Part wird durch eine Blockveranstaltung eingeleitet, in der wir durch Anregungen und Impulse Möglichkeitsräume eröffnen möchten und die Freiarbeit gemeinsam vorbereiten. 

Seminarverantwortliche 

sind die Künstlerin Stephanie Scheubeck und die Kulturwissenschaftlerin Marion Mangelsdorf. Beide interessieren sie sich für künstlerische Forschung. Der Seminartitel nimmt Bezug auf eine relaxed Performance von Stephanie Scheubeck. In der Beschreibung zur Performance heißt es: „Mit In meiner Haut erforscht Stephanie Scheubeck / Sound & Colour Production unser individuelles Erleben und die Auswirkung der Multidimensionalität menschlicher Wahrnehmung auf unser Zusammenleben. Am Beispiel des neurodivergenten Phänomens der Synästhesie, bei dem die Sinne verschmelzen, wird Komplexität als Bereicherung einer vielfältigen Gesellschaft behandelt und der Konsens über Normen aufgebrochen.“

Stephanie Scheubeck (Tänzerin/Choreografin, Videokünstlerin, Forscherin) forscht mit ihrer Sound & Colour Production zur Verbindung des neurodiversen Phänomens Synästhesie, Tanz und Embodiment. In ihren international gezeigten, preisgekrönten Performances, audiovisuellen Installationen und Screendance Filmen erschafft sie immersive Atmosphären, die ein sensorisch-haptisches Erleben für das Publikum hervorrufen und verhandelt Synästhesie als Beispiel für gesellschaftliche Vielfalt. Scheubecks Arbeiten sind stark von ihren eigenen synästhetischen Erfahrungen geprägt. https://soundandcolourproduction.com/
Marion Mangelsdorf, Dr’in phil. (Kulturwissenschaftlerin, STS-Forscherin) forscht u.a. zu Körpersprache, Leibphänomenologie und Environmental Humanities. Ihre Arbeiten bewegen sich im Bereich der künstlerischen Forschung. Bsp.: Tagungsreihe und -band mdw Wien Wissenskulturen im Dialog. Experimentalräume zwischen Wissenschaft und Kunst (2017); Beteiligung an der Forschungsgruppe MBody. Künstlerische Forschung in Medien, Somatik, Tanz und Philosophie; langjährige Kooperationen mit der Künstlerin Ines Lechleitner (H like Horses) sowie Mónica Alarcón und Pilar Buira Ferre (Tanz/Choreografie). https://www.marion-mangelsdorf.eu

Basistexte

– Die Texte werden hier eingepflegt und können per Passwort abgerufen werden. Das Passwort wird Seminarteilnehmenden mitgeteilt. Außerdem finden sich die Seminarinhalte auf ILIAS. –

Sarah Ahmed (2006) Queer Phenomenology. Duke University Press.
Nancy N. Chen (1992) ‚Speaking nearby‘ – A Conversation with Trinh T. Minh-ha.Visual Anthropology Review, 8(1), 82–91.
Christel Baltes-Löhr (2021) Gutes Leben als Kontinuum für Menschen jedweden Geschlechts – eine Utopie oder notwendiges Ziel? In: Journal Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW Nr. 49/2021.
Judith Butler (2007) Körper/Body, in: Walz, Sasha, Cluster. Henschel, 70–71.
Simon Dickel (2024) Blindheit und Wahrnehmung, 71–93 und Fanon und Phänomenologie, 134–143. In: Ders. Verleiblichte Differenz. Kritische Phänomenologie und narrative Texte über Behinderung, Race und Sexualität. Springer Nature Switzerland AG.
Ute Gahlings (2014) Phänomenologie weiblicher Leiberfahrung. In: Hilge Landweer & Isabella Marcinski (Hrsg.) Dem Erleben auf der Spur. Feminismus und Philosophie des Leibes. Bielefeld: transcript, 91–112.
Robert Gugutzer (2014) Phänomenologie männlicher Leiberfahrung. In: Hilge Landweer & Isabella Marcinski (Hrsg.) Dem Erleben auf der Spur. Feminismus und Philosophie des Leibes. Bielefeld: transcript, 113–136.
Kim de l’Horizon (2022) Blutbuch. DuMont Buchverlag.
Astrida Neimanis (2019) We are all Bodies of Water, 82–91.
Sigrid Schmitz & Nina Degele (2010) Embodying – ein dynamischer Ansatz für Körper und Geschlecht in Bewegung, in: Degele et. al. (Hg.) Gendered Bodies in Motion. Opladen: Budrich, 13–38.

Weiterführende Texte

Judith Butler (2002) Performative Akte und Geschlechterkonstruktionen. Phänomenologie und feministische Theorie. In: Uwe Wirth (Hrsg.) Performanz: Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. Ffm, 301–320.
Akwugo Emejulu (2024) Schwarzer Feminismus und die Grenzen des Menschseins. Stuttgart: Reclam.
Joerg Fingerhut, Rebekka Hufendiek & Markus Wild (Hrsg.) (2013) Philosophie der Verkörperung. Grundlagentexte zu einer aktuellen Debatte. Ffm: Suhrkamp.
Johanna Hedva (2020) Sick Woman Theory.
Chantal Jaquet (2024) Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz University press.
Jannis Ruhnau (2025) Affective Becoming, Affective Belonging: A Queer Phenomenological Account of the Social Reproduction of Bodies. In: Edith Otero Quezada/Vanessa Lara Ullrich/, Marx’s Others (99-114). Bielefeld: transcript Verlag.

Die obere Zeichnung (pdf-Download) entstand
einerseits auf der Grundlage des Heftes Hands on Research for Artists, Designers & Educators herausgegeben 2015 von Jojanneke Gijsen und
andererseits durch ein erstes Planungstreffen zwischen Stephanie und Marion am 18.02.2026.

Neben diesem hands-on lassen wir uns im Praxis-Part auch von der Publikation Emergent Strategy von Adrienne Maree Brown (2017) inspirieren. Siehe YouTube-Video und
von orangotango, dem Kollektiv für kritische Bildung und kreativen Protest.

Leistungsnachweise

  • Für die Anrechnung von 6 ECTS (Vertiefungsseminar 1) sind folgende Studienleistungen (SL) zu erbringen: Regelmäßige Seminarteilnahme, Vorbereiten der Texte, Impulsbeitrag zu einem eigens gewählten Themenschwerpunkt, Ausgestaltung eines Studienprojekts sowie der Präsentation dieses Projekts am Ende des Seminars.
  • Für die Anrechnung von 8 ECTS (Vertiefungsseminar 2) sind die oben genannten Studienleistungen (SL) zu erbringen. Darüber hinaus muss eine ca. 12-seitige Hausarbeit als Prüfungsleistung (PL) erbracht werden.
  • Für die Anrechnung von 10 ECTS (Masterseminar zu Geschlechterkonstruktionen der Gender Studies) sind die oben genannten Studienleistungen (SL) zu erbringen. Darüber hinaus muss eine ca. 15-seitige Hausarbeit als Prüfungsleistung (PL) erbracht werden.

Seminarplan

24.04. Einführung
01.05. fällt aus

Theorie Part

Leibphänomenologie
08.05.
Input zu Grundlagen der Leibphänomenologie.
Gemeinsame Textlektüre: Butler 2007.
15.05.
Wir stellen uns gegenseitig einen Text vor.
Textauswahl: Gahlings 2014, Gugutzer 2014 oder Ahmed 2006.

Embodying
22.05.
Input zu Verkörperungstheorien (Embodiment / Embodying).
Gemeinsame Textlektüre: Schmitz & Degele 2010.
05.06.
Erstes Resümee und Zusammentragen.
29.05. fällt aus

Im Widerstreit mit Kategorisierungen 
12.06.
Input zu Differenzkategorien und Gender als Kontinuum.
Gemeinsame Textlektüre: Dickel 2024, Blindheit und Wahrnehmung und Dickel 2024, Fanon und Phänomenologie.
19.06.
Gemeinsame Textlektüre: Baltes-Löhr 2021, de l’Horizon 2022, Neimanis 2019.
Erneutes Resümee und Zusammentragen. Vorbereitung Praxis Part.

Praxis Part
26.06. Praxiserprobungen (Block)
Gemeinsame Textlektüre: Chen 1992.
03.07. & 10.07. Freiarbeit
17.07. & 24.07. Präsentationen & Rückschau