Muße. Ausnahmezustand in Krisenzeiten? Biopolitische Fragen an ein antikes Konzept!



Interdisziplinäres Masterseminar der Gender Studies von Marion Mangelsdorf


„Eine Moderne, die (…) Produktivität zum Selbstzweck erklärt, nimmt den Menschen die Fähigkeit, innezuhalten, Krisen zuzulassen und sich, angesichts dieser Krisen wieder ihrer selbst zu vergewissern,“ lautet es in dem Sammelband „Konzepte der Muße“ (Gimmel/Keiling et al. 2016, 1). Dem gegenüber wird in der gleichnamigen Publikation das Potential von Muße betont, „zum Ort von Krisen der Selbstbestimmung und Reflexion [zu] werden.“ (Ebd., 53) Muße wird sodann als ‚Ausnahmezustand‘ beschrieben, der einen Schutzraum vor dem Praxis-, Überlebens- und Leistungsdruck Raum für existentielle (In-)Fragestellungen und Krisen darstelle (Ebd., 74). Lässt sich Muße dementsprechend als ‚Wendepunkt‘ beschreiben, um darüber nachzudenken, wie wir uns ein gutes, emanzipiertes Leben vorstellen?
Wie möchten wir leben, lieben, studieren, arbeiten und die Erde bewohnen?
Mit welchem Verständnis begegnen wir uns selbst, anderen und unserem Lebensraum?

In diesem interdisziplinären Masterseminar der Gender Studies nähern wir uns dem Thema durch verschiedene Zugänge an:


Part I – Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie (Mi 29.4. 10–14 Uhr)

In diesem ersten Part befassen wir uns mit dem Konzept der Muße selber. Wir fragen uns: Lässt sich Muße, die auf Privilegien basiert, zum Menschenrecht erklären? (Soeffner 2014) Kann sie demokratisiert werden? (Wulf & Zirfas 2017, 10) Welche Distinktionen und Geschlechterbilder sind mit Muße verbunden? (Ingrisch & Mangelsdorf 2019)


Part II – Zeitdiagnose (Mi 20.05. 10–14 Uhr)

In einem zweiten Part, setzen wir uns damit auseinander, auf welcher zeitdiagnostischen Basis Diskussionen über Muße derzeit stattfinden. Wie verhalten sie sich zu Fragen der Beschleunigung (Fuchs/Iwer & Micali 2018), der Selbstausbeutung und zum vorherrschenden Produktionszwang in Bildungs- und Arbeitskontexten (Bröckling 2007; Han 2015; 2016; Gimmel/Kirchner & Mangeldorf 2020) sowie zu Fragen nach einer ’neuen Erdpolitik‘ (Haraway 2018 [2016]; Margulis 2016; Latour 2017 [2015]; Lovelock 2020 [2018]; Mangelsdorf & Vonau 2020)?
Bei der Erörterung dieser Fragen finden gendertheoretische und posthumanistische Ansätze besondere Berücksichtigung.


Part III – Muße: Ausnahmezustand und Schutzraum in Krisenzeiten? (Mi 10.06. 10–14 Uhr)

Darauf aufbauend widmen wir uns anhand der bereits erwähnten Publikation „Konzepte der Muße“ mit Muße als einem Ausnahmezustand und Schutzraum, um sich existentiellen Fragen und Krisen zu stellen. In diesem Part wird es ebenfalls um die eigenen Erfahrungen, Ängste, Sorgen, aber auch Hoffnungen und Bedürfnisse gehen, die durch die momentane Situation einer durch die COVID-19-Pandemie hervorgerufene „erzwungenen Muße“ zum Vorschein kommen.


Part IV – Thematische Schwerpunkte für Studienprojekte (Das Vorgehen wird bei der Vorbesprechung am 20.04. 14–16 Uhr besprochen!)

In Einzel- oder Kleingruppen können auf dieser gemeinsamen Grundlage Studienprojekte verfolgt werden. Folgende drei Schwerpunkte stehen zur Auswahl:


Part V – Abschlussworkshops im Kultur- & Kreativbahnhof der Freiburger Lokhalle und Exkursion zum ZKM Karlsruhe

Zum Ende des Seminars sind Präsenzworkshops im Kultur- & Kreativbahnhof der Freiburger Lokhalle vorgesehen. Hierzu sollen Gäste eingeladen werden, um einen Dialog zwischen verschiedenen Generationen und zu biopolitischen Themen anzuregen. Mögliche Termine sind: 01.07. 10–18 Uhr und 15.07. 10–18 Uhr!
Außerdem denkbar ist eine Exkursion zur Ausstellung Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik, die von Bruno Latour und Peter Weibel kuriert wird und vom 09.05.–11.10.2020 im ZKM Karlsruhe stattfindet. Die Exkursion ist nicht obbligatorisch! Sie könnte am 03.07. durchgeführt werden, nach Absprache ließe sich eventuell aber auch ein anderer Termin finden!
Näheres dazu wird bekannt gegeben sobald Veranstaltungen solcher Art wieder planbar sind!



Seminarstruktur in besonderen Zeiten

Für das Seminar wurde dieser virtuelle Seminarraum mit einem passwortgeschützten Bereich aufgebaut, über den alle Seminarinformationen und Materialien, wie Literatur und Filmhinweise, abgerufen werden können. Insbesondere zu den drei Schwerpunkten werden hier weitere Hinweise zusammengestellt. Außerdem sollen Chats u.a. für den Erfahrungsaustausch (siehe  Part III) und für Seminarbesprechungen Zoom-Konferenzen ermöglicht werden. Das Seminar wird so geplant, dass es zu einem Großteil virtuell durchgeführt werden kann.


Anmeldung und Teilnahmebeschränkung

Bitte melden Sie sich zu diesem Seminar bis zum 15.April 2020 unter marion.mangelsdorf(at)mail.uni-freiburg.de an. Die Teilnahme ist auf maximal 20 Personen beschränkt! Mit der Bestätigung zur Teilnahme erhalten Sie ebenfalls einen Zugang zum passwortgeschützten Bereich des digitalen Seminarraums.

Das Seminar steht Studierenden aller Fachbereiche offen. Studierende der Gender Studies haben Vorrang. 


Anrechenbarkeit

Studierende der Gender Studies können die Veranstaltung als Masterseminar Geschlechterkonstruktionen mit 10 ECTS-Punkten anrechnen lassen. Weitere Studierende können je nach Leistungsabgabe 6-10 ECTS-Punkte erwerben.
Es sind verschiedene Formate möglich, um den Leistungsnachweis zu erhalten: Hausarbeiten, Berichte, Essays, Blog-Einträge und Webdokumentationen.
Weiteres dazu wird zu Beginn des Seminars bekannt gegeben und kann in einer persönlichen Sprechstunde geklärt werden.


Verbindliche Vorbesprechung

Die Teilnahme an der Vorbesprechung am Montag 20.4.2020 14–16 Uhr im Zentrum für Anthropologie und Gender Studies (ZAG), Belfortstr. 20 ist verbindlich!
Bitte beachten Sie Mitteilungen über die Webseite, falls die Besprechung über Zoom virtuell stattfinden muss!


Zur Seminarverantwortlichen

Dr.’in phil. Marion Mangelsdorf ist Kulturwissenschaftlerin, Mitbegründerin und Geschäftsführerin des seit 2001 bestehenden Zentrums für Anthropologie und Gender Studies (ZAG). Außerdem ist sie seit 2018 Mitarbeiterin beim Sonderforschungsbereich Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken. Dort führt sie Begleitforschung zu Fragen der Gender Studies, Transdisziplinarität und Verkörperung durch. 2019 hat sie die Tagung „Verkörperte Muße. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Körper, Leib und Muße“ mitorganisiert und zeichnete sich für das kulturelle Begleitprogramm hauptverantwortlich.

Bei weiteren Fragen bitte wenden an: Marion Mangelsdorf


Literatur (eine erste Auswahl!)

Bröckling, Ulrich. Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a. M. 2007.
Dressel, Gert & Mangelsdorf, Marion. Muße als Bedingung der Möglichkeit inter- und transdisziplinärer Forschung. In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 71–81.
Fuchs, Thomas/Iwer, Lukas & Micali, Stefano. Das überforderte Subjekt. Zeitdiagnosen einer beschleunigten Gesellschaft, Frankfurt a. M. 2018.
Gimmel, Jochen/Keiling, Tobias et al. Konzepte der Muße, Tübingen 2016.
Gimmel, Jochen/Kirchner, Andreas & Mangelsdorf, Marion. Das Verblassen eines Ideals. Zur Atemlosigkeit der Wissenschaften. In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 15–25 (im Druck).
Han, Byung-Chul. Müdigkeitsgesellschaft, Berlin 2015.
Han, Byung-Chul. Müdigkeitsgesellschaft. Byung-Chul Han in Seoul/Berlin, Dokumentarfilm von Isabella Gresser,  Berlin 2016.
Haraway, Donna. Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt a. M. 2018 [2016].
Ingrisch, Doris & Mangelsdorf, Marion. Gender und die Kunst der Muße. In: Muße. Ein Magazin, 4. Jhg. 2019, Heft 1, 14-17.
Latour, Bruno. Kampf um Gaia – Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Frankfurt a. M. 2017 [2015].
Lovelock, James. Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz, München 2020 [2018].
Mangelsdorf, Marion & Vonau, Victoria. Monarchfalter-Werden – Symbio(gene)se als intersoziologische Dimension. In: Michael Schetsche & Andreas Anton (Hg.) Intersoziologie. Menschliche und nichtmenschliche Akteure in der Sozialwelt. Weinheim: Beltz Juventa 2020 (im Erscheinen).
Mangelsdorf, Marion & Ingrisch, Doris. Muße als Voraussetzung einer Dialogkultur quer zur zeitgenössischen Alma Mater?! In: Muße. Ein Magazin, 5. Jhg. 2020, Heft 2, S. 62–70.
Margulis, Lynn. Living by Gaia. In: Jonathan White. Talking on the Water. Conversations Nature & Creativity, Texas 2016.
Soeffner, Hans-Georg. Muße – Absichtsvolle Absichtslosigkeit. In: Burkhard Hasebrink & Peter Philipp Riedl (Hg.) Muße im kulturellen Wandel. Semantisierungen, Ähnlichkeiten, Umbesetzungen, Berlin/Boston 2014, 34-53.
Wulf, Christoph & Zirfas, Jörg (Hg.). Muße. In; Paragrana Band 16 2007, Heft 1.


Interaktive Webdokumentationen

Fetzner, Daniel. DE\GLOBALIZE. Agential cuts through Critical Zones in Science and other Sediments –  Kabini, Nile and Rhine, 2018-2020. Online: http://moe.lab.mi.hs-offenburg.de.
Mangelsdorf, Marion/Fetzner, Daniel & Schwab, Simon. Gaïa – eine beunruhigende Denkfigur, 2019. Online: https://genderingmint.pageflow.io/gaia.
Mangelsdorf, Marion. Verkörperte Muße. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Körper, Leib und Muße, 2019. Online: https://genderingmint.pageflow.io/verkorperte-musse.
Mangelsdorf, Marion/Schmidt, Uwe/Schwab, Simon & Salm, Stefan. Natur der Muße, 2019. Online: https://genderingmint.pageflow.io/natur-der-musse.
Mangelsdorf, Marion/Fetzner, Daniel/Schwab, Simon & Salm, Stefan. Gendering Marteloskope, 2019. Online: https://genderingmint.pageflow.io/gendering-marteloscopes.



Foto: © Marion Mangelsdorf, San Diego