Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.
Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (1944) Dialektik der Aufklärung
Intro
Mit diesem Satz haben die beiden Kritischen Theoretiker Theodor W. Adorno und Max Horkheimer 1944 auf den Punkt gebracht, was es bedeutet in einem vergeschlechtlichten Zwangskorsett festzustecken und dass dieser Zustand nicht nur auf einige wenige, sondern für alle Menschen zutrifft. Seit den 1940er Jahren ist viel Zeit vergangen. Hat sich da nicht schon einiges verändert? Dieser Frage möchte ich in Bezug auf die Freiburger Inszenierung La Cage aux Folles nachgehen. Dabei werfe ich vor allem einen Blick auf den Identitätsbegriff, der im zeitgenössischen Diskurs viel diskutiert wird und auch im Programmheft zur Freiburger Inszenierung eine Rolle spielt. Aber eins nach dem anderen.
Was verstehen Sie persönlich unter Geschlecht? Identifizieren Sie sich mit dem, was Ihnen seit Kindesbeinen an gesagt wurde, dass es Ihrem Geschlecht angemessen wäre? Und woran misst sich, was als angemessenen beurteilt wird? Empfinden Sie ihre Geschlechtszuordnung als eine freie Wahl oder als eine gesellschaftliche Zwangsvorstellung? Oder anders gefragt, zu welchem Team gehören Sie?
Team A:
Wir brauchen wieder mehr Klarheit über Geschlechterzuordnungen. Welche Vorbilder gibt es, die uns vor Augen führen, was es heißt eine Frau, was ein Mann zu sein? Eine solche Klarheit ist doch wichtig, damit sich eine Identität und damit eine selbstbewusste Persönlichkeit herausbilden kann.
Oder gehören sie zu Team B:
Bitte können wir dieses Thema endlich hinter uns lassen? Wir sind Menschen, – individuell, vielfältig und keiner von uns lässt sich in die eindeutigen Schablonen binärer Geschlechtervorstellungen, was es heißt eine Frau oder ein Mann zu sein, hineinpressen.
Wir betreten jeden Tag die Bühne unseres Lebens
Die Antwort aus den Gender und Queer Studies lautet: Egal ob Sie sich Team A oder B zuordnen, klar ist: Geschlecht ist eine Performance. Wir betreten jeden Tag die Bühne des Lebens. Dabei sind wir ausgestattet mit Requisiten, die sich in unserem Kleiderschrank widerfinden. Als Mann ist das zumindest in unserer Gesellschaft und im Rahmen unseres historischen Kontextes recht eingeschränkt: Hose, Hemd, T-Shirt. Bloß nicht zu viel Farbe. Ein geblümtes Hemd gilt schon als exaltiert. Das weibliche Geschlecht darf da kreativer werden und es von der Laune abhängig machen, ob mal die Jeans, der Hosenanzug, ein Kleid oder Rock passend erscheint. Bunt und auffallend darf es durchaus mal sein. Wenn auch nicht in jedem Kontext. Wer als Frau in den höheren Vorstandsetagen oder auch an der Universität ernst genommen werden möchte, tut gut daran sich nicht zu auffällig auszustaffieren. Graue Damen unter Grauen Herren betreiben Geschäfte und Wissenschaft. Willkommen im 21. Jahrhundert und bei dem, was Horkheimer und Adorno 1944 meinten, wenn sie davon sprachen, dass der männliche Charakter des Menschen von Beginn jeder Kindheit ab immer wieder reproduziert wird. Wir alle kennen und bedienen Dresscodes, die die Geschlechterordnung täglich stabilisieren, meistens ordnen wir uns dem unter, weil wir wissen, dass diese Codes über unsere Stellung in der Gesellschaft Aufschluss geben und entscheidend sind, um das Spiel des Lebens erfolgreich spielen zu können. Kleider machen Leute. Und selbst diejenigen, die sich der Zweigeschlechterordnung nicht unterordnen, die fluid die Geschlechtergrenzen überschreiten möchten, performen ihre Fluidität ebenfalls. Dabei spielen sie sehr bewusst mit gängigen Rollenklischees. Das subversive Spiel mit der Bühnenshow ‚Geschlecht‘ beschränkt sich dabei nicht nur auf die Kleidung, nein dazu gehört ebenfalls ein gekonnter Umgang mit Gestiken, Bewegungen und Stimmlagen. Menschen, die sich nicht in die gängigen Muster einpassen, halten uns den Spiegel vor. In diesem Spiegel können wir uns betrachten und uns mit unseren allzu selbstverständlich gewordenen Geschlechter-Performances konfrontieren. Dabei könnte es durchaus passieren, dass uns klar wird, wie sehr wir auch heutzutage noch von einem männlichen, identischen, zweckgerichteten Bild unseres Selbst gegängelt werden. Egal welchem Geschlecht wir uns auch zuordnen.
Hält uns ‚La Cage aux Folles‘ amüsant und herzerwärmend den Spiegel vor?
Der Freiburger Inszenierung La Cage aux Folles gelingt es ganz offensichtlich – wenn ich den Beifall und die Standing Ovation am Ende der Aufführung richtig interpretiere – uns den Spiegel frech, amüsant, unterhaltsam und dennoch deutlich, aber ohne erhobenen Zeigefinger vorzuhalten. Die Darbietung stellt Fragen. Bspw.: Was macht eine Frau zur Frau und Mutter? Bedeutet mütterlich zu sein, für den Nachwuchs zu sorgen? Da zu sein, wenn der Nachwuchs einen so richtig braucht? So wie etwa im Falle einer bevorstehenden Hochzeit? Vor allem, wenn ein rechtskonservativer Schwiegervater sich dem Liebesglück in den Weg stellen könnte? Kann nur eine Frau in diesem Sinne mütterlich sein? Und bedeutet ein Kind zu zeugen unweigerlich auch, sich vor allem als Frau diesem ausschließlich widmen zu wollen? Väter kennen wir zu genüge, die zwar Erzeuger, deswegen aber nicht unbedingt diejenigen sind, die um den Nachwuchs Sorge tragen.
Albin, das ist ganz klar, ist die Mutter schlechthin, ein Paradebeispiel von Mütterlichkeit und damit erobert Albin die Herzen des Publikums im Sturm. Albin bringt das Herz, das seit der neuen Intendanz oben am Dach des Freiburger Theaters prangt, nicht nur dort, sondern auch beim Publikum im Theatersaal zum Brennen. Da gerät vor lauter Herzlichkeit in Vergessenheit, dass Albin, respektive Zaza eine Dragqueen, sprich biologisch gesehen und streng genommen ein Mann ist. Aber, spielt das wirklich eine Rolle?
Der Kern dieses Musicals ist seine große Herzlichkeit und menschliche Wärme: Georges und Albin haben mit Heim und dem Transvesitenclub ‚La Cage aux Folles‚ einen Ort geschaffen, an dem ein familiäres Miteinander an oberster Stelle steht. Das Private ist politisch und vice versa – eine wirkliche Trennung zwischen Showwelt und Wohnzimmer gibt es nicht.
Programmheft zu ‚La Cage aux Folles‚, Theater Freiburg
Dass sich das Stück am gängigen Modell einer Heterokleinfamilie mit Vater, Mutter, Kind sowie einem dezent im Hintergrund verweilenden Patchworkanhang abarbeitet, ermöglicht es vermutlich, dass sich mit der Geschichte nicht nur queere Menschen identifizieren können. Mal ehrlich: Im Cage aux Folles wird uns ein familiäres Miteinander gezeigt, dass das große Versprechen von Geborgenheit und Zusammengehörigkeit einlöst, an dem die harte Realität der zumeist dysfunktionalen Heterokleinfamilien scheitert. Das queere Paar ist hier die gelungene Variation des allen Anschein nach monogamen Heteropaars, dem es gelingt ein Nest für ihren Sohn und das Ensemble auszugestalten. So weit so gut und herzerwärmend. Das Stück vermag nicht zuletzt mit Solos wie „Ich bin wie ich bin“ ein Plädoyer für – wie es im Programmheft ebenfalls lautet – „die Gleichberechtigung nicht hetero-sexueller Identitäten und Lebensentwürfe“ in Szene zu setzen.
Identität – ein Zwangskorsett?
Aber beinhaltet das Konzept der Identität nicht hochproblematische Aspekte? Ich würde mit den Kritischen Theoretikern und Vertreter:innen der Queer Theory sagen: Ja. Mitunter kann die Rede über Identität uns im Weg stehen, wenn es um Emanzipation und Gleichberechtigung geht. Denn der Fokus auf Identität arbeitet sich immer und immer wieder an der Identifikation mit einem zur Norm erhobenen Maßstab ab, an dem sich jeder Mensch abmüht und nur scheitern kann. Ich würde sogar sagen, dass identifizierendes Denken uns strikt in Gefangenschaft hält. Kann und möchte ich überhaupt identifiziert werden mit Geschlechterbildern, die von Außen an mich herangetragen werden, die ich verinnerliche, aber zu keinem Zeitpunkt hinterfragen soll?
Aber wenn wir uns klar machen, dass Geschlecht performativ hergestellt wird, könnte es uns dann nicht gelingen, bewusst die Bühne unseres Lebens zu betreten und als Akteur:innen unseres Lebens zu fragen, wer wir in unseren unterschiedlichen Lebensphasen sein und wie wir uns entwickeln möchten. Wie möchten wir uns kleiden, wie sprechen und auftreten? Wen möchte ich lieben, wie mit den Menschen, die mir nahestehen, zusammenleben? Welche Konstellationen passen sich an meine und die Bedürfnisse derer an, mit denen ich ein Miteinander kreieren möchte? Und welche unterschiedlichen Begabungen und Fertigkeiten gestatte ich mir, dass sie in meinem Leben zur Ausgestaltung kommen? Wer nach Identität fragt, muss sich immer wieder abgleichen an der Norm, die wir nach und nach verinnerlichen und für selbstverständlich erklären. Diese Selbstverständlichkeit ist das Korsett, dass uns unfrei macht. „Ich bin, die ich bin“ ist niemals in Stein gemeißelt, es ist ein Prozess, der sich durch das Leben hindurch wandelt. In unterschiedlichen Kontexten, in Relation zu unterschiedlichen Menschen nehmen wir jeweils unterschiedlich Gestalt an. Darf Geschlecht ein Spiel mit der Variationsbreite dessen sein, was uns die Requisiten des Lebens zur Verfügung stellen? Was wäre, wenn La Cage aus Folles nicht auf wenige Quadratmeter eines Clubs und für wenige Stunden eines Theaterstücks oder auf Ausnahmesituationen wie Fasching oder Karneval beschränkt wäre? Was wäre, wenn wir uns bewusst darüber werden könnten, dass wir uns mit dem engen Bild identitärer Vorgaben nicht zufrieden geben wollen?
Marion Mangelsdorf
Der Text entstand für die Podiumsdiskussion, die am 20.11.2025 vom Studium Generale der Universität Freiburg organisiert wurde: ‚La Cage aux Folles‘. Musical in zwei Akten von Jerry Herman und Harvey Fierstein nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Poiret (Kunst-Ereignisse)
Auf dem Podium: Franz-Erdmann Meyer-Herder (Chefdramaturg, Theater Freiburg), Alexander Dick (Badische Zeitung, Kulturredaktion), Prof. Dr. Hanna Klessinger (Deutsches Seminar, Universität Freiburg) und Dr. Marion Mangelsdorf (Zentrum für Anthropologie und Gender Studies (ZAG), Universität Freiburg). Gesprächsleitung: Prof. Dr. Werner Frick
Foto: © Sandra Then