Martina Ölke: Das Leben: Ein Haus mit vielen Zimmern

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt. Roman, Frankfurt/M. 2000 (Fischer Taschenbuch Verlag, 9,60 €, 460 Seiten)

"Visible", ein halb verfallener Landsitz irgendwo in der Nähe einer Kleinstadt, mit seinen vielen Zimmern, bewohnten und unbewohnten, vertrauten und unheimlichen, und mit seinem weiten Blick über das Land, ist der symbolträchtige Schauplatz dieser Geschichte über das Geheimnis der Herkunft, über das Erwachsenwerden, über Liebe und Sinnlichkeit, Trauer und Schmerz - kurz über all das, was das Leben so zu bieten hat. Ich-Erzähler Phil, zum Zeitpunkt des Erzählens siebzehn Jahre alt und zum ersten Mal verliebt (in seinen Mitschüler Nicholas), bezaubert durch Zartheit, Verletzlichkeit und durch seine genaue Beobachtungsgabe. In stillen Zwiegesprächen mit dem schwarzen Puppenmann Paleiko (seiner Muse) versucht er, Sinn und Unsinn seines Daseins zu erforschen. Rätsel Nummer 1: Wer ist sein Vater? Glass, die junge Mutter der Zwillinge Phil und Dianne, verließ 17-jährig Amerika und den Vater ihrer (noch ungeborenen) Kinder, um bei ihrer Schwester in der alten Welt ein neues Leben zu beginnen. Dieses beginnt denn auch, allerdings ohne die Schwester, die inzwischen verstorben ist, dafür mit der Nachlaßverwalterin namens Tereza. Obwohl die Liebe Terezas zu Glass unerfüllt bleibt, wird diese doch zu einem Teil der Familie und den Zwillingen zu einer zweiten Mutter.
Wunderbar beschrieben ist - im Rückblick - die Kindheit von Phil und Dianne in dem fantastischen Haus, mit Streifzügen durch die nähere Umgebung und am Fluß entlang, die mitunter nicht ungefährlich sind. Denn die Zwillinge sind in der Kleinstadt Outsider geblieben, abgestempelt vor allem aufgrund des unkonventionellen Lebenswandels ihrer Mutter, aber auch aufgrund der allzu großen Verbundenheit Diannes mit der 'belebten Natur', die die beiden Kinder in der Wahrnehmung der sogenannten "Kleinen Leute", der anderen Kleinstadtbewohner, zu "Hexenkindern" werden läßt.
Wunderbar ist vor allem das Netz der sehr verschiedenen Beziehungen, die im Roman geknüpft und miteinander verknüpft werden. Da ist die zunächst symbiotisch enge, später problematisch werdende Beziehung zwischen den Geschwistern Phil und Dianne. Da ist die Freundschaft Phils mit der gleichaltrigen Kat, geschlossen im Alter von sechs Jahren in der HNO-Abteilung eines Krankenhauses, feierlich besiegelt durch den Schlafanzugtausch der Kinder und schmerzlich auf die Probe gestellt durch die heimliche Beziehung zwischen Kat und Phils Freund Nicholas rund zehn Jahre später. Da sind die zahlreichen Beziehungen der Mutter, die am Schluß behutsam durch eine festere Bindung abgelöst werden, da ist Tereza mit ihrer Partnerin Pascale. Und da ist vor allem Phils erste große Liebe zum Mitschüler Nicholas, eine Liebe voller Begehren, aber auch voller Unsicherheit. Guter Sex, das muß Phil erfahren, ist nicht gleichbedeutend mit der von ihm so sehr gewünschten Nähe und Geborgenheit. Voller Zartheit und ohne jedes Coming-Out-Pathos wird die Geschichte der Initiation in die Welt der Lust und der Selbstbehauptung erzählt - eine schöne Geschichte, auch wenn sie für Phil zunächst unglücklich endet. Der geht am Schluss dann erstmal mit seinem Onkel Gable, dem sagenumwobenen Seefahrer, Held seiner Kinderträume, auf große (See-)Fahrt, auf die Suche nach seinem amerikanischen Vater und wer weiß was noch.

Was den Roman Die Mitte der Welt - der erste Roman des Kinderbuchautors, Übersetzers und Rezensenten Steinhöfel - zu einer so beglückenden Lektüre werden läßt, ist vor allem das sehr offene Spektrum an Beziehungen, die in unterschiedlicher Intensität geschildert werden. Geschwister-Beziehung, Mutter-Sohn-Beziehung, Mutter-Tochter-Beziehung, Frauenfreundschaft, homo- und heterosexuelle Liebesbeziehungen, all das hat verhältnismäßig gleichberechtigt Eingang in den Roman gefunden. Einzig über die Figur der Schwester Dianne und deren sehr problematische Beziehung zur Mutter würde man mitunter gern mehr erfahren. Daß dieser Wunsch sich jedoch nicht erfüllt, ist wohl in erster Linie dem Erzählen aus der Perspektive Phils geschuldet und somit erklärbar und verzeihlich. Nicht zuletzt die Zeichnung des jugendlichen Protagonisten macht den Roman zu einer empfehlenswerten Lektüre für Jugendliche und Erwachsene: Phils nuancenreiches Liebes- und Seelenleben und sein erotisch getönter Blick auf die Männer und Jungen seiner Umgebung eröffnet eine deutlich größere Vielfalt an Männer- und Jungenbildern, als im allgemeinen gesellschaftlich transportiert wird. 'Männlichkeit' wird als diskutierbares Konstrukt gekennzeichnet, das nicht nur auf Frauen zuweilen unangenehm wirken mag, sondern auch von Jungen als gesellschaftlicher Zwang und als Normierung empfunden werden kann. Zurück bleibt nach der Lektüre ein Gefühl der toleranten Gelassenheit, für das der Schauplatz des Romans, der Landsitz "Visible", ein schönes Bild bietet: Das Leben ist ein Haus mit vielen Zimmern, bekannten und unbekannten, vertrauten und unheimlichen - und sie zu erforschen bereitet Lust, aber zuweilen auch Schmerz.

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