Die in chronologischer Reihenfolge aufgeführten Briefe dokumentieren fünf Jahre der Dreiecksbeziehung zwischen John, Evguenia und Una, drei Frauen wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Die 53jährige John, gebildet, finanziell gut situiert, in den literarischen Kreisen der 20er und 30er Jahre beheimatet, bildet den Mittelpunkt dieser ménage à trois. Ihre langjährige Lebenspartnerin, die 47-jährige Una, Lady Troubridge, war ebenfalls eine gebildete Künstlerin aus den höheren Kreisen. Vor dem Hintergrund dieser sich jahrelang treu ergebenen eheähnlich geführten Zweierbeziehung verliebt sich John in die wesentlich jüngere staaten- und mittellose russische Immigrantin Evguenia.
Johns Briefe gewähren einen detaillierten und nahezu
unerträglich intimen Einblick in die Phasen dieser Beziehung von
ihrer anfänglichen Verzückung bis zu ihrem (selbst-) zerstörerischen
Ende. Johns Versuche, ihre intensiven, aber gesellschaftlich nicht akzeptierten
Leidenschaften auszuleben, sind ebenso faszinierend wie die Ausweglosigkeit
der Situation bedrückend ist. Die Briefe sind geprägt von zahllosen
Liebesschwüren, poetischen Beschreibungen ihrer Sehnsucht und Trostlosigkeit,
ihren Bemühungen, eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für
die nahezu rechtlose Evguenia zu erwirken sowie ihre verzweifelten Versuche,
gemeinsame Zukunftspläne zu schmieden. Letztlich scheitern ihre verzweifelten
Bemühungen, die beiden Beziehungen harmonisch nebeneinander zu führen,
an der hasserfüllten Rivalität zwischen Una und Evguenia sowie
an Evguenias immer wieder aufflackerndem Widerwillen, eine homosexuelle
Beziehung zu führen. Die Dreieckskonstellation wird für alle
Beteiligten mit einer rasanten Geschwindigkeit zur Qual, doch keine scheint
die leidvolle Situation zum Positiven wenden oder beenden zu können.
Selbst als Evguenia sich 1939 zu einem Abbruch der Beziehung entschließt,
überwiegt ihre emotionale und vor allem finanzielle Abhängigkeit
von John.
Nach jahrelangen Kämpfen sind die drei Frauen zutiefst erschöpft.
John fleht um "Frieden und Vergebung, damit ich mich wieder erholen
kann" (S. 116); Evguenia heiratet; nur Una trägt einen späten
Sieg über die Rivalin davon, indem sie deren Briefe an John nach
deren Tod vernichtet. Damit bleibt Evguenias Perspektive undokumentiert.
Dennoch wird durch den vermittelnden Blick von Johns Briefen ihre prekäre
Situation schmerzlich deutlich: Gefangene in einem Land, in dem sie weder
erwünscht ist noch sich heimisch fühlt, ohne eigene finanzielle
Sicherungen oder familiären Rückhalt, einen Beruf ausübend,
der sie nicht glücklich macht und darüber hinaus verstrickt
in einer Beziehung, in der sie das schwächste Glied ist. Ihre Versuche,
finanziell und rechtlich eigenständig zu werden, quittiert John mit
Misstrauen, Unverständnis und Drohungen. "Du würdest verhungern,
wenn ich Dich lange Zeit allein ließe." (S. 102).
Die ganze Tragweite dieser Tragödie zeigt
sich nicht nur in Johns Briefen, sondern auch in Unas Tagebüchern
The Life and Death of Radclyffe Hall (London 1961) oder Diana Souhamis
Biografie The Trials of Radclyffe Hall (London 1998). Sie zeichnen das
Bild einer äußerst widersprüchlichen und schwierigen Frau.
John ist eine bekennende Lesbe, die als erste die Situation der "Invertierten",
wie John frauenliebende Frauen bezeichnet, in literarischer Form der Öffentlichkeit
zugänglich macht. Ihr Quell der Einsamkeit nimmt dafür bis heute
eine Schlüsselposition in der Frauenliteratur ein.
Ihre dominante, egozentrierte und possessive Persönlichkeit wird
selbst Jahrzehnte später für LeserInnen ihrer Briefe noch greifbar.
Gleichzeitig wird sie jedoch von Selbstzweifeln und Hoffnungslosigkeit
geplagt, wenn sie sich Evguenias Liebe nicht sicher ist. Die häufige
geografische Trennung von Evguenia bereitet ihr körperliche Schmerzen,
die sie in ihren Briefen gütlich auskostet.
Die Intensität ihrer Empfindungen und deren Darstellungen stehen,
sicherlich angemessenerweise, im Vordergrund der ausgewählten Briefe
- dennoch werden sie eben dadurch der Komplexität dieser Persönlichkeit
nicht immer gerecht. Dieses potentielle Manko wird jedoch durch Annette
Hubers einführendes Essay "Leben und Lieben der Radclyffe Hall"
ausgeglichen, das die Lesenden angemessen an diese ungewöhnliche
Frau heranführt.