Ruth Brand: Zwischen Auschwitz und Analytikercouch - Von der unerträglichen Leichtigkeit amerikanisch-jüdischen Seins

Lily Brett: Einfach so, Frankfurt 1999 (Suhrkamp-Verlag, 446 Seiten, 10,20 €)

"Es gibt jetzt wieder die gleiche Anzahl Juden auf der Welt wie 1939", sagt Esther. "Wir haben ein halbes Jahrhundert gebraucht um sie zu ersetzen." (S.186). Schon mit solchen Wortbeiträgen wird die Kluft deutlich, die Esther zu überbrücken hat: Auf der einen Seite ihre durch die Vergangenheit der Eltern belastete Kindheit, die immer präsent ist, auf der anderen die durchgestylten und mit einem Schuss gepflegter Langeweile versetzten Gartenparties im New York der ausgehenden Neunziger Jahre. Dort hat Schwermut keine Konjunktur. Der schroffe Gegensatz ihrer zwei jüdischen Welten erschließt sich nicht so leicht.

Esther Zepler, die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans Einfach so wohnt mit einem wunderbaren Ehemann und drei entspannten und schon fast erwachsenen Kindern in einem weitläufigen Loft in New York. Für unterschiedliche Zeitungen schreibt sie Nachrufe auf bekannte Menschen und trifft sich mit ihrer Freundin Sonia Kaufman zum Kaffee. Eine sorgenfreie bürgerliche New Yorker Existenz mit einem Schuss Bohème. Wäre da nicht Esthers Vergangenheit als Kind eines Elternpaares, das in Auschwitz schon die Hölle von innen gesehen hat...
Ihre Eltern haben kaum über die Vergangenheit gesprochen. "Du wirst niemals verstehen, was wir durchgemacht haben" hatte ihre Mutter immer gesagt
(S. 12). Doch Esther weiß, dass ihre Mutter in Auschwitz auf Holzpritschen geschlafen hat und ihr die Ratten über das Gesicht gelaufen sind. Sie weiß, dass im Lager der Leib ihrer ältesten Schwester derart angeschwollen war, dass ihre Haut platzte und Sekret herausquoll, und dass ihre Mutter auf dem Boden in Erbrochenem nach unverdauten Resten von noch Essbarem gesucht hatte, um ihre Schwester damit vor dem Verhungern zu retten. Nach dem Krieg sind die Eltern nach Australien ausgewandert. Ihre Albträume und das schlechte Gewissen überlebt zu haben nahmen sie mit.

Drohte der staubige Charme der Archive das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts in eine eher entfernte Vergangenheit zu rücken? Mit diesem Roman über die zweite Generation der Holocaustopfer ist der Brückenschlag in die Gegenwart gelungen. Es geht nicht unmittelbar um das Grauen im Lager, im Mittelpunkt stehen vielmehr die Kinder der wenigen Überlebenden. Sie haben das Unbehagen ihrer verstörten Eltern am Leben tief eingesogen und werden so zum Sprachrohr der Vergangenheit. Doch Einfach so ist auch ein Buch über die greisen Überlebenden fünfzig Jahre danach, über ihr Ringen um Normalität und um ein Stück Glück - vermischt mit den bizarren Tücken des Älterwerdens. Ein Beziehungsgeflecht jüdischer Existenzen: Da ist Esthers Vater, zu dem diese eine liebevolle, wenn auch komplizierte Bindung hat, Henia Borenstein, die ständig mit den Katastrophen des Alltags kämpft - wie alle Überlebenden, Sonia, die überlegt, ob sie ihre Zwillinge jüdisch erziehen soll und Esther, für die der Gang zur Analytikerin zum echten Kampf um Normalität wird.
All das im überspannten melting pot New York mit seinen Künstlern und Karrieristen, Stadtneurotikern auf den Spuren Woody Allens, wo jeder beim Lunch freimütig über Hämorrhoiden, Affären und den Austausch von Körpersäften redet. Dort ist kaum Raum für verstörende Aufarbeitung der Geschichte. In dieser künstlichen Welt, die so schnell bereit ist zu vergessen, müssen die Kinder der Traumatisierten sich einrichten, müssen sie sich der Einlullung in die Zuckerwatte des Vergessens entgegenstemmen.

Ein liebenswerter, unterhaltsamer Blick auf die heutigen Facetten jüdischer Befindlichkeit in der Diaspora mit historischer Tiefenschärfe. Wie auch Christen in der westlichen Hemisphäre suchen moderne Juden nach Antworten auf die Frage nach dem Stellenwert religiöser Kultur in der Moderne. Lily Brett schreckt auch vor dem zum Klischee geronnenen reichen Juden nicht zurück, der seine Familie durch Konditionen im Testament zum guten jüdischen Leben zwingen will. Als Jüdin hat sie dazu fraglos das Recht und lenkt den Blick in ihrem differenzierten Panorama jüdischer Lebenswelten. Er kann so über das - gerade für den deutschen Blickwinkel - durch den Nahostkonflikt und die jüdische Opferrolle von Erstarrung bedrohte Sehfeld hinausgleiten.
Bei aller Schwere des Themas ist der Autorin ein leichthin erzähltes Buch gelungen, das vergnüglich zu lesen ist, auch wenn ein wenig Straffung bisweilen am Platze gewesen wäre. So ist der Roman sogar als ‚Bettlektüre' geeignet, was bei einem der 'schwärzesten' aller Themen keineswegs auf der Hand liegt. Die Literatur zum Thema wird auf jeden Fall um eine Sichtweise bereichert. Ehemann Sean und Sohn Zachary mögen von Zeit zu Zeit angesichts ihrer zuweilen recht anstrengenden Ehefrau und Mutter gar zu verständnisvoll, perfekt und fast ein wenig unglaubwürdig wirken. Ihre eigene Person beschönigt die Ich-Erzählerin hingegen keineswegs. Sie erklärt sich nicht zum tiefgründigen Charakter im Pulk der Dünnbrettbohrer: ewig nervös trinkt sie koffeinfreien Kaffee und erspart ihrer Familie - und Ihrer Leserin - keine Minute ihre ewige Angespanntheit. Aber das muss wohl so sein in New York...

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