Esther Zepler, die Protagonistin und Ich-Erzählerin
des Romans Einfach so wohnt mit einem wunderbaren Ehemann und drei entspannten
und schon fast erwachsenen Kindern in einem weitläufigen Loft in
New York. Für unterschiedliche Zeitungen schreibt sie Nachrufe auf
bekannte Menschen und trifft sich mit ihrer Freundin Sonia Kaufman zum
Kaffee. Eine sorgenfreie bürgerliche New Yorker Existenz mit einem
Schuss Bohème. Wäre da nicht Esthers Vergangenheit als Kind
eines Elternpaares, das in Auschwitz schon die Hölle von innen gesehen
hat...
Ihre Eltern haben kaum über die Vergangenheit gesprochen. "Du
wirst niemals verstehen, was wir durchgemacht haben" hatte ihre Mutter
immer gesagt
(S. 12). Doch Esther weiß, dass ihre Mutter in Auschwitz auf Holzpritschen
geschlafen hat und ihr die Ratten über das Gesicht gelaufen sind.
Sie weiß, dass im Lager der Leib ihrer ältesten Schwester derart
angeschwollen war, dass ihre Haut platzte und Sekret herausquoll, und
dass ihre Mutter auf dem Boden in Erbrochenem nach unverdauten Resten
von noch Essbarem gesucht hatte, um ihre Schwester damit vor dem Verhungern
zu retten. Nach dem Krieg sind die Eltern nach Australien ausgewandert.
Ihre Albträume und das schlechte Gewissen überlebt zu haben
nahmen sie mit.
Drohte der staubige Charme der Archive das dunkelste
Kapitel des 20. Jahrhunderts in eine eher entfernte Vergangenheit zu rücken?
Mit diesem Roman über die zweite Generation der Holocaustopfer ist
der Brückenschlag in die Gegenwart gelungen. Es geht nicht unmittelbar
um das Grauen im Lager, im Mittelpunkt stehen vielmehr die Kinder der
wenigen Überlebenden. Sie haben das Unbehagen ihrer verstörten
Eltern am Leben tief eingesogen und werden so zum Sprachrohr der Vergangenheit.
Doch Einfach so ist auch ein Buch über die greisen Überlebenden
fünfzig Jahre danach, über ihr Ringen um Normalität und
um ein Stück Glück - vermischt mit den bizarren Tücken
des Älterwerdens. Ein Beziehungsgeflecht jüdischer Existenzen:
Da ist Esthers Vater, zu dem diese eine liebevolle, wenn auch komplizierte
Bindung hat, Henia Borenstein, die ständig mit den Katastrophen des
Alltags kämpft - wie alle Überlebenden, Sonia, die überlegt,
ob sie ihre Zwillinge jüdisch erziehen soll und Esther, für
die der Gang zur Analytikerin zum echten Kampf um Normalität wird.
All das im überspannten melting pot New York mit seinen Künstlern
und Karrieristen, Stadtneurotikern auf den Spuren Woody Allens, wo jeder
beim Lunch freimütig über Hämorrhoiden, Affären und
den Austausch von Körpersäften redet. Dort ist kaum Raum für
verstörende Aufarbeitung der Geschichte. In dieser künstlichen
Welt, die so schnell bereit ist zu vergessen, müssen die Kinder der
Traumatisierten sich einrichten, müssen sie sich der Einlullung in
die Zuckerwatte des Vergessens entgegenstemmen.
Ein liebenswerter, unterhaltsamer Blick auf die
heutigen Facetten jüdischer Befindlichkeit in der Diaspora mit historischer
Tiefenschärfe. Wie auch Christen in der westlichen Hemisphäre
suchen moderne Juden nach Antworten auf die Frage nach dem Stellenwert
religiöser Kultur in der Moderne. Lily Brett schreckt auch vor dem
zum Klischee geronnenen reichen Juden nicht zurück, der seine Familie
durch Konditionen im Testament zum guten jüdischen Leben zwingen
will. Als Jüdin hat sie dazu fraglos das Recht und lenkt den Blick
in ihrem differenzierten Panorama jüdischer Lebenswelten. Er kann
so über das - gerade für den deutschen Blickwinkel - durch den
Nahostkonflikt und die jüdische Opferrolle von Erstarrung bedrohte
Sehfeld hinausgleiten.
Bei aller Schwere des Themas ist der Autorin ein leichthin erzähltes
Buch gelungen, das vergnüglich zu lesen ist, auch wenn ein wenig
Straffung bisweilen am Platze gewesen wäre. So ist der Roman sogar
als Bettlektüre' geeignet, was bei einem der 'schwärzesten'
aller Themen keineswegs auf der Hand liegt. Die Literatur zum Thema wird
auf jeden Fall um eine Sichtweise bereichert. Ehemann Sean und Sohn Zachary
mögen von Zeit zu Zeit angesichts ihrer zuweilen recht anstrengenden
Ehefrau und Mutter gar zu verständnisvoll, perfekt und fast ein wenig
unglaubwürdig wirken. Ihre eigene Person beschönigt die Ich-Erzählerin
hingegen keineswegs. Sie erklärt sich nicht zum tiefgründigen
Charakter im Pulk der Dünnbrettbohrer: ewig nervös trinkt sie
koffeinfreien Kaffee und erspart ihrer Familie - und Ihrer Leserin - keine
Minute ihre ewige Angespanntheit. Aber das muss wohl so sein in New York...